Eine Rede Krishanmurtis

aus: Grenzenlos frei (unconditionally free), Eine Einführung in Leben und Werk von J. Krishnamurti

Krishnamurti blickte nie auf seine Lehre zurück, um eine Rede oder ein Gespräch als Essenz dessen auszuwählen, was er im Laufe von sechzig Jahren vermittelt hatte. Vielmehr betrachtete er jede Gelegenheit, bei der er öffentlich sprach, als einzigartiges, sich individuell entfaltendes Ereignis, und er trat ohne Notizen und ohne sich auf Einwürfe oder Fragen vorzubereiten, vor seine Zuhörer. Es ist daher unmöglich, irgendeinen seiner Vorträge oder Dialoge als repräsentativ zu bezeichnen. Nachfolgend eine Rede, die Krishnamurti am 24. April 1971 in New York hielt sowie den darauffolgenden Dialog.

Die Rede Krishnamurtis
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Rede von Krishnamurti am 24. April 1971 in New York

Ich möchte über Beziehungen sprechen, darüber, was Liebe ist, über die menschliche Existenz, zu der auch unser tägliches Leben gehört, die Probleme, die man hat, die Konflikte, die Freuden und Ängste, und über jenes ausserordentliche Phänomen, genannt Tod.

Ich glaube, man muss verstehen - nicht theoretisch, nicht als spekulative, unterhaltsame Idee, sondern als wahrhaftige Tatsache -, dass wir die Welt sind, und die Welt ist wir. Die Welt ist jeder von uns; das zu spüren, dieser Tatsache und sonst nichts wirklich verpflichtet zu sein, bringt ein Gefühl grosser Verantwortung mit sich und führt zu einem Handeln, das nicht fragmentarisch, sondern ganzheitlich sein muss.

Ich glaube, wir neigen dazu, zu vergessen, dass unsere Gesellschaft, die Kultur, in der wir leben, die uns konditioniert hat, das Resultat menschlichen Strebens, menschlicher Konflikte, menschlichen Elends und Leides ist. Jeder von uns ist diese Kultur; die Gemeinschaft ist jeder von uns - wir sind nicht davon getrennt. Um das zu fühlen, es nicht als ein intellektuelles Konzept zu übernehmen, sondern dies wirklich als Realität zu erspüren, muss man die Frage untersuchen, was Beziehung bedeutet, denn unser Leben, unsere Existenz beruht auf Beziehungen. Das Leben ist ein in Bewegung befindliches Beziehungsnetz. Wenn wir nicht verstehen, was Beziehung bedeutet, werden wir uns nicht nur unweigerlich isolieren, sondern eine Gesellschaft schaffen, in der die Menschen getrennt sind, und zwar nicht nur in Bezug auf Nationalität und Religion, sondern auch innerlich gespalten, so dass sie das, was sie sind, in die Aussenwelt projizieren.

Ich weiss nicht, ob Sie sich mit dieser Frage für sich selbst schon einmal intensiv auseinandergesetzt haben, um herauszufinden, ob man mit anderen in vollkommener Harmonie, in völligem Einklang leben kann, so dass keine Barrieren, keine Spaltung, keine Trennungen existieren, sondern nur ein Gefühl völliger Einheit. Denn Beziehung bedeutet, verbunden zu sein - nicht im Handeln, nicht in irgendeinem Projekt, nicht aufgrund irgendeiner Ideologie -, sondern vollkommen vereint zu sein in dem Sinne, dass die Trennung, die Zersplitterung zwischen Individuen, zwischen zwei menschlichen Wesen auf keiner Ebene mehr existiert.

Solange wir nicht zu dieser Qualität von Beziehung finden, scheint mir, dass wir bei unserem Versuch, theoretisch oder technologisch Ordnung in der Welt zu schaffen, zwangsläufig nicht nur diese Trennungen zwischen Mensch und Mensch erzeugen, sondern auch unfähig sein werden, Korruption zu verhindern. Korruption entspringt einem Mangel an Beziehung; ich glaube, das ist die Wurzel der Korruption. Beziehungen, so wie wir sie jetzt kennen, sind die Fortsetzung der Trennung zwischen Individuen. Der Ursprung des Begriffs Individuum liegt in dem Wort «unteilbar». Ein Mensch, der innerlich nicht gespalten, nicht zersplittert ist, ist wirklich ein Individuum. Doch die meisten von uns sind keine Individuen, wir denken, wir seien es, und deshalb stellt sich das Individuum gegen die Gemeinschaft. Man muss die Bedeutung dieses Wortes «Individualität» nicht nur im Sinne des Wörterbuchs verstehen, sondern auf einer tiefen Ebene, wo es absolut keine Spaltung gibt. Das bedeutet vollkommene Harmonie zwischen Geist, Herz und physischem Organismus. Nur darin existiert eine Individualität.

Wenn wir unsere gegenwärtigen zwischenmenschlichen Beziehungen, ob intime oder oberflächliche, tiefe oder vorübergehende, genauer untersuchen, sehen wir, dass sie fragmentarisch sind. Ehefrau oder Ehemann, junger Mann oder junges Mädchen, jeder lebt für seine eigenen Ziele, seine persönlichen und egoistischen Ambitionen, in seinem eigenen Kokon. All das trägt dazu bei, dass ein inneres Bild erzeugt wird, und deshalb findet die Beziehung zum anderen über dieses Bild statt, deshalb existiert keine echte Beziehung.

Ich weiss nicht, ob Sie sich der Beschaffenheit und des Wesens dieses Bildes bewusst sind, das man um sich herum und im eigenen Innern geschaffen hat. Alle Menschen tun das die ganze Zeit. Wie kann da eine Beziehung zueinander existieren, wenn ständig dieses persönliche Streben, der Neid, das Konkurrenzdenken, die Gier und all diese Dinge präsent sind, die in unserer modernen Gesellschaft nicht nur geduldet, sondern auch noch gefördert werden? Wie kann da eine Beziehung zueinander bestehen, wenn jeder von uns nur nach seinem eigenen persönlichen Erfolg strebt?

Ich weiss nicht, ob man sich all dessen überhaupt bewusst ist. Wir sind so konditioniert, dass wir es als die Norm akzeptieren, als das Muster des Lebens, dass jeder von uns seinen eigenen besonderen Vorlieben oder Neigungen folgen muss und dennoch versucht, eine Beziehung zu anderen aufzubauen. Tun wir das nicht alle? Sie sind vielleicht verheiratet und gehen morgens ins Büro oder in die Fabrik, und was immer Sie den ganzen Tag zu tun haben mögen, Sie widmen sich dieser Aufgabe. Und Ihre Frau ist zu Hause, mit ihren eigenen Sorgen, ihren eigenen Lappalien, mit allem, was geschieht. Wo ist die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen? Findet sie im Bett statt, beim Sex? Ist eine Beziehung, die so oberflächlich, so eingeschränkt, so begrenzt ist, nicht bereits an sich gleichbedeutend mit Korruption?

Vielleicht fragen Sie: Wie soll man denn sonst leben? Wenn man nicht ins Büro geht, nicht die eigenen Ziele verfolgt, nicht nach eigenem Erfolg strebt - was soll man sonst tun, wenn man nichts von all dem tut? Ich glaube, das ist von vornherein die falsche Frage, meinen Sie nicht auch? Weil es unser Anliegen ist, nicht wahr, einen radikalen Wandel in der gesamten Bewusstseinsstruktur hervorzubringen. Die Krise findet nicht in der Aussenwelt statt, sondern im Bewusstsein. Und solange wir diese Krise nicht verstehen - nicht oberflächlich, nicht im Sinne irgendeines Philosophen, sondern wirklich für uns selbst zutiefst verstehen, indem wir sie anschauen und untersuchen -, solange werden wir nicht in der Lage sein, einen Wandel zu bewirken. Unser Anliegen ist eine Revolution in der Psyche, und diese Revolution kann nur stattfinden, wenn zwischen zwei Menschen die richtige Art von Beziehung existiert.

Wie kann man eine solche Beziehung herstellen? Das Problem ist klar, nicht wahr? Bitte betrachten Sie dieses Problem gemeinsam mit mir, es ist Ihr Problem, nicht meines; es ist Ihr Leben, nicht meines, es ist Ihr Leid, Ihr Ärger, Ihre Angst, Ihr Schuldgefühl. Diese Schlacht nennen wir Leben. Wenn Sie lediglich einer Zustandsbeschreibung zuhören, dann werden Sie feststellen, dass Sie nur an der Oberfläche schwimmen und kein einziges Problem lösen. Es ist in Wirklichkeit Ihr Problem, und der Sprecher beschreibt es nur - wohlwissend, dass die Beschreibung nicht das Beschriebene ist. Lassen Sie uns dieses Problem gemeinsam betrachten: Wie können Menschen, Sie und ich, inmitten all dieses Chaos, dieses Hasses, dieser Zerstörung, der Umweltverschmutzung und all dieser furchtbaren Dinge, die in der Welt passieren, eine echte Beziehung zueinander finden?

Mir scheint, um das herauszufinden, muss man untersuchen, was vor sich geht, muss sehen, was wirklich «ist». Nicht, was unserer Meinung nach sein sollte. Genauso wenig sollten wir versuchen, unsere Beziehungen im Hinblick auf ein zukünftiges Ideal zu verändern, sondern wirklich beobachten, was jetzt ist. Durch die Beobachtung der Fakten, der Wahrheit, der Wirklichkeit unserer Beziehung entsteht eine Möglichkeit zur Veränderung. Wir sagten ja bereits kürzlich, dass da, wo eine Möglichkeit besteht, viel Energie vorhanden ist. Die Vorstellung, dass keine Veränderung möglich ist, ist eine Verschwendung von Energie.

Wir müssen uns also unsere Beziehung anschauen, so wie sie jetzt wirklich ist - jeden Tag. Und indem wir beobachten, wie sie ist, werden wir entdecken, wie wir in dieser Wirklichkeit eine Veränderung bewirken können. Wir beschreiben also, was tatsächlich ist, und das bedeutet: jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt, in seiner Welt des Ehrgeizes, der Gier, der Angst, des Erfolgsstrebens und so weiter - Sie wissen, was los ist. Wenn ich verheiratet bin, habe ich Verantwortung, Pflichten, Kinder und so weiter. Ich gehe ins Büro oder an irgendeinen anderen Arbeitsplatz, und wir - Mann und Frau, Junge und Mädchen - begegnen einander im Bett. Und das nennen wir Liebe; wir führen getrennte Leben, isoliert, bauen eine Mauer des Widerstands um uns herum, verfolgen unsere egozentrischen Aktivitäten. Jeder von uns sucht emotionale Sicherheit, jeder hängt vom anderen ab, um Trost zu erhalten, um Vergnügen zu haben, Lust zu spüren und nicht allein zu sein. Weil jeder so ungeheuer einsam ist, fordert jeder Liebe, Wertschätzung und versucht, den anderen zu dominieren.

Sie können das selbst sehen, wenn Sie sich beobachten. Besteht da überhaupt irgendeine Art von Beziehung? Es besteht keine Beziehung zwischen zwei Menschen, selbst wenn sie vielleicht Kinder haben, ein Haus - in Wirklichkeit sind sie nicht miteinander verbunden. Falls sie sich für ein gemeinsames Vorhaben engagieren, hält dieses Vorhaben sie zusammen, aber das ist keine Beziehung.

Indem man all das erkennt, sieht man, dass die Korruption beginnt, wenn keine Beziehung zwischen zwei Menschen besteht - nicht die Korruption in der äusseren Gesellschaftsstruktur, nicht die äussere Umweltverschmutzung, sondern die innere Verschmutzung. Korruption und Zerstörung beginnen, wenn Menschen tatsächlich überhaupt keine Beziehung haben, so wie das bei Ihnen der Fall ist. Vielleicht halten Sie jemandes Hand, küssen einander, schlafen miteinander, doch wenn Sie wirklich ganz genau hinschauen - besteht da überhaupt irgendeine Beziehung? Eine Beziehung zu haben bedeutet nicht, voneinander abhängig zu sein, mit Hilfe eines anderen der eigenen Einsamkeit zu entfliehen oder zu versuchen, durch den anderen Trost und Nähe zu finden. Kann da überhaupt irgendeine Art von Beziehung existieren, wenn Sie versuchen, mit Hilfe des anderen Trost zu finden, wenn Sie abhängig sind und so weiter?

Wir sind nicht zynisch, sondern beobachten einfach, was wirklich ist: Das hat nichts mit Zynismus zu tun. Um also herauszufinden, was es wirklich bedeutet, mit jemandem in Beziehung zu sein, muss man verstehen, was Einsamkeit ist, denn die meisten von uns sind schrecklich einsam. je älter wir werden, desto einsamer werden wir, ganz besonders in diesem Land. Haben Sie einmal beobachtet, wie die alten Leute leben? Haben Sie ihre Fluchtversuche, ihre Art, sich zu vergnügen, beobachtet? Sie haben ihr Leben lang gearbeitet und wollen sich jetzt in irgendwelche Vergnügungen flüchten.

Können wir, wenn wir das erkennen, zu einer Lebensweise finden, bei der wir einander nicht benutzen - bei der wir psychisch, emotional, nicht voneinander abhängig sind, einander nicht dazu benutzen, vor unseren eigenen inneren Qualen, unserer Verzweiflung, unserer Einsamkeit zu fliehen? Das zu verstehen bedeutet, zu verstehen, was es heisst, einsam zu sein. Waren Sie jemals einsam? Wissen Sie, was es bedeutet? Dass Sie keine Beziehung zu irgend jemandem haben, völlig isoliert sind. Sie können mit Ihren Familienangehörigen zusammen sein, sich in einer Menschenmenge, im Büro befinden, wenn dieses mit grosser Verzweiflung verbundene Gefühl absoluter Einsamkeit Sie plötzlich überkommt. Solange Sie das nicht vollständig gelöst haben, sind Ihre Beziehungen Fluchtversuche und entwickeln sich zwangsläufig destruktiv, führen ins Elend. Wie kann man diese Einsamkeit, dieses Gefühl völliger Isolation verstehen? Um es zu verstehen, muss man sich das eigene Leben anschauen. Ist nicht jede Ihrer Handlungen ein selbstbezogenes Handeln? Vielleicht sind Sie hin und wieder in Spenderlaune, sind grosszügig, tun etwas ohne Hintergedanken - doch das sind seltene Gelegenheiten. Diese Verzweiflung kann niemals durch Flucht aufgelöst werden, sondern nur durch Beobachten.

Wir sind also wieder bei dieser Frage angelangt: Wie beobachtet man? Wie beobachtet man sich selbst, ohne dass dabei irgendein Konflikt existiert? Denn Konflikt ist gleichbedeutend mit Korruption, ist Energieverschwendung, ist die Schlacht unseres Lebens vom Augenblick unserer Geburt bis wir sterben. Ist es möglich, ohne einen einzigen Moment des Konflikts zu leben? Um das für sich selbst herauszufinden, muss man lernen, den eigenen Lebensstrom zu beobachten. Es gibt eine Art des Beobachtens, die zur Harmonie führt, die wahrhaftig ist: wenn der Beobachter nicht existiert, sondern nur das Beobachten.

Kann da, wo keine Beziehung besteht, Liebe sein? Wir reden von Liebe, und Liebe, wie wir sie kennen, ist auf Sexualität und Lust bezogen, nicht wahr? Manche von Ihnen sagen «Nein». Wenn Sie «Nein» sagen, müssen Sie frei von Ehrgeiz sein, frei von Konkurrenzdenken, frei von jeglicher Trennung - zwischen dir und mir, uns und den anderen. Es darf weder eine Trennung aufgrund von Nationalitäten noch aufgrund von Glaubens- oder Wissenssystemen existieren. Nur dann können Sie sagen, dass Sie lieben. Doch für die meisten Menschen bezieht sich Liebe auf Sex und Lust und all das Elend, das damit einhergeht: Eifersucht, Neid, Feindschaft, Sie wissen, was zwischen Mann und Frau geschieht. Wenn diese Beziehung nicht wahrhaftig, real, tief, vollkommen harmonisch ist, wie können Sie dann Frieden in der Welt haben? Wie können die Kriege aufhören?

Beziehung ist also eines der wichtigsten Dinge im Leben oder sogar das Wichtigste überhaupt. Das heisst, man muss verstehen, was Liebe ist. Man kommt ganz sicher darauf, seltsamerweise, ohne danach zu fragen. Wenn Sie für sich selbst herausfinden, was Liebe nicht ist, dann wissen Sie, was Liebe ist - nicht theoretisch, nicht intellektuell, sondern indem Sie wirklich erkennen, was Liebe nicht ist, und das bedeutet: kein Konkurrenzdenken, kein Ehrgeiz, kein Erfolgsstreben, kein Vergleichen, kein Nachahmen, denn mit einer solchen Geisteshaltung kann man unmöglich lieben.

Können Sie also in dieser Welt völlig ohne Ehrgeiz leben, ohne sich je mit irgend jemandem zu vergleichen? Denn in dem Augenblick in dem Sie sich vergleichen, entsteht ein Konflikt, entsteht Neid, entsteht der Wunsch, erfolgreich zu sein, den anderen zu übertrumpfen. Können ein Geist und ein Herz, die sich an die Verletzungen erinnern, all die Demütigungen, all die Dinge, die sie unsensibel und abgestumpft werden liessen - können ein solcher Geist und ein solches Herz wissen, was Liebe ist? Ist Liebe Vergnügen? Doch das ist es, wonach wir bewusst oder unbewusst streben. Unsere Götter sind das Resultat unseres Vergnügens. Unsere Glaubenssätze, unsere Gesellschaftsstruktur, die gesellschaftliche Moral - die im wesentlichen unmoralisch ist - sie sind das Resultat unseres Vergnügens. Und wenn Sie sagen «Ich liebe jemanden» - ist das Liebe? Das heisst: keine Trennung, keine Dominanz, keine egozentrische Aktivität. Um herauszufinden, was Liebe ist, muss man all das verwerfen - in dem Sinne verwerfen, dass man das Falsche daran erkennt. Wenn Sie einmal irgend etwas als falsch erkennen - was Sie einst als wahrhaftig, als natürlich, als menschlich akzeptierten -, dann können Sie niemals dazu zurückkehren. Wenn Sie eine gefährliche Schlange oder ein gefährliches Tier sehen, spielen Sie niemals damit, Sie kommen ihm niemals nahe. Genauso ist es, wenn Sie wirklich sehen, dass Liebe nichts von all diesen Dingen ist, wenn Sie es fühlen, schmecken, beobachten, damit leben, sich total damit auseinandersetzen, dann werden Sie wissen, was Liebe ist, was Mitgefühl ist - nämlich Leidenschaft für alle.

Wir haben keine Leidenschaft, wir haben Lust, wir haben Vergnügen. Die Ursprungsbedeutung des Wortes Leidenschaft ist Leid. Wir alle haben das eine oder andere Leid erlebt, das Leid, jemanden zu verlieren, das Leid des Selbstmitleids, das Leid der menschlichen Spezies, sowohl das kollektive als auch das persönliche. Wir wissen, was Leid ist, der Tod eines Menschen, den wir zu lieben glaubten. Wenn wir total bei diesem Leid bleiben, ohne zu versuchen, es zu rationalisieren, ohne zu versuchen, in irgendeiner Form, durch Worte oder Taten, davor zu fliehen, wenn man absolut dabei ausharrt, ohne irgendeine Gedankenbewegung, wird man feststellen, dass aus diesem Leid Leidenschaft erwächst. Diese Leidenschaft besitzt die Qualität der Liebe, und Liebe kennt kein Leid.

Man muss dieses gesamte Problem der Existenz verstehen, die Konflikte, die Kämpfe: Sie kennen das Leben, das man lebt; so leer, so sinnlos. Die Intellektuellen versuchen, ihm einen Sinn zu geben, und auch wir möchten einen Sinn im Leben finden, weil das Leben, so wie es gelebt wird, keinen Sinn hat. Nicht wahr? Der ständige Kampf, die endlose Schufterei, das Elend, das Leiden, die Mühen und Plagen, die man durchmacht, all das hat in Wirklichkeit keinen Sinn - wir machen es aus Gewohnheit durch. Um aber herauszufinden, was der Sinn eigentlich ist, muss man auch die Bedeutung des Todes verstehen, denn Leben und Sterben gehören zusammen, sie sind nicht getrennt.

Man muss also untersuchen, was es bedeutet, zu sterben, denn das ist Teil unseres Lebens. Es ist nicht etwas in der fernen Zukunft, das man vermeiden muss, dem man sich nur stellen muss, wenn man todkrank oder alt ist oder in den Krieg ziehen muss. So wie es Teil unseres täglichen Lebens ist, ohne einen einzigen Atemzug des Konflikts zu leben, so ist es Teil unseres Lebens, herauszufinden, was es bedeutet, zu lieben. Das ist ebenfalls Teil unserer Existenz, und man muss es verstehen.

Wie können wir verstehen, was der Tod ist? Können Sie, wenn Sie sterben, im letzten Augenblick verstehen, auf welche Weise Sie ihr Leben verbracht haben? Die Belastungen, die emotionalen Kämpfe, der Ehrgeiz, das Erfolgsstreben? Sie sind wahrscheinlich ohne Bewusstsein, und das macht Sie zu einer klaren Wahrnehmung unfähig. Dazu kommt noch der geistige Verfall im Alter und alles, was damit einhergeht. Also muss man heute verstehen, was der Tod ist, nicht morgen. Wie Sie beobachten können, will der Geist nicht darüber nachdenken. Er denkt über all das nach, was er morgen tun wird - wie er neue Dinge erfinden wird, schönere Badezimmerausstattungen, all das, worüber der Verstand nachdenken kann. Aber er will nicht über den Tod nachdenken, weil er nicht weiss, was Tod bedeutet.

Kann man die Bedeutung des Todes durch den Prozess des Denkens erschliessen? Bitte überlegen Sie das gemeinsam mit mir. Wenn wir es gemeinsam tun, werden wir anfangen, die Schönheit, die in all dem liegt, zu sehen, aber wenn Sie einfach dasitzen und den Sprecher reden lassen, einfach nur seinen Worten zuhören, dann teilen wir nichts miteinander. Um etwas miteinander teilen zu können, bedarf es einer bestimmten Qualität des Engagements, der Achtsamkeit, Zuneigung, Liebe. Der Tod ist ein ungeheures Problem. Die jungen Leute sagen vielleicht: Warum soll ich mich damit beschäftigen? Aber er ist Teil ihres Lebens, so wie es Teil ihres Lebens ist, zu verstehen, was Zölibat bedeutet. Sagen Sie nicht einfach: «Warum sprechen Sie über das Zölibat, das ist etwas für alte Hinterwäldler, für dumme Mönche.» Auch die Frage nach der Bedeutung des Zölibats war ein Problem für die Menschen, auch sie gehört zum Leben.

Kann der Geist vollkommen keusch sein? Weil man nicht in der Lage ist herauszufinden, wie man ein keusches Leben führen kann, legt man das Keuschheitsgelübde ab und macht Qualen durch. Das ist kein Zölibat. Zölibat ist etwas völlig anderes. Es bedeutet, dass der Geist völlig frei von allen Bildern, von allem Wissen ist, und das wiederum bedeutet, dass man den gesamten Prozess von Lust und Angst versteht.

Ebenso muss man dieses Phänomen, genannt Tod, verstehen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie etwas verstehen wollen, vor dem Sie furchtbare Angst haben? Fürchten wir uns etwa nicht vor dem Tod? Vielleicht sagen wir auch: «Ich habe genug von diesem Leben, mit all seinem Elend, der Verwirrung, dieser ganzen Erbärmlichkeit und Brutalität, den Mechanismen, in denen man gefangen ist; Gott sei Dank hat all das einmal ein Ende!» Das ist keine Antwort, ebensowenig wie die Rationalisierung des Todes oder der Glaube an Reinkarnation, wie ihn die gesamte asiatische Welt pflegt, eine Antwort ist. Um herauszufinden, was Reinkarnation bedeutet, also in einer zukünftigen Existenz wiedergeboren zu werden, müssen Sie herausfinden, was Sie jetzt sind. Wenn Sie an Reinkarnation glauben - was sind Sie jetzt? Eine Menge Worte, eine Menge Erfahrungen, Wissen. Sie sind konditioniert durch verschiedene Kulturen, Sie sind all die Identifikationen Ihres Lebens, Ihre Möbel, ihr Haus, Ihr Bankkonto, Ihre Erfahrungen von Schmerz und Lust. Das ist es, was Sie sind, nicht wahr? Die Erinnerung an Fehlschläge, an Hoffnungen und Verzweiflung, all das sind Sie jetzt, und das wird im nächsten Leben wiedergeboren - eine wunderschöne Vorstellung, nicht wahr?

Vielleicht glauben Sie, dass es eine alles überdauernde Wesenheit gibt, eine unsterbliche Seele. Ist irgend etwas in Ihnen dauerhaft? In dem Moment, wo Sie sagen, es gibt eine unsterbliche Seele, ein unsterbliches Wesen, ist dieses Wesen ein Produkt Ihrer Gedanken oder Ihrer Hoffnungen, weil alles so unsicher ist, alles ständig im Fluss, in Bewegung ist. Wenn Sie also sagen, dass etwas Dauerhaftes existiert, ist diese Dauerhaftigkeit das Resultat Ihres Denkens. Und das Denken gehört der Vergangenheit an, das Denken ist niemals frei - es kann alles erfinden, was es will!

Wenn Sie also an eine Wiedergeburt in der Zukunft glauben, müssen Sie wissen, dass die Zukunft durch Ihre gegenwärtige Lebensweise gestaltet wird, durch das, was Sie jetzt tun, was Sie denken, durch Ihr Handeln und Ihre Ethik. Was Sie jetzt sind, was Sie jetzt tun, spielt also eine ausserordentlich bedeutsame Rolle. Doch diejenigen, die an eine zukünftige Wiedergeburt glauben, kümmert es kein bisschen, was jetzt geschieht, es ist einfach eine Glaubenssache.

Wie können Sie also herausfinden, was der Tod bedeutet, wenn Sie ganz vital, energiegeladen und gesund sind? Nicht, wenn Sie aus dem Gleichgewicht oder krank sind, nicht im letzten Augenblick, sondern jetzt, wohlwissend, dass der Körper sich unweigerlich abnutzt, wie jede Maschine. Unglücklicherweise gehen wir mit unserer Maschine so achtlos um, nicht wahr? Haben Sie, da Sie ja wissen, dass der physische Organismus irgendwann aufhört zu funktionieren, jemals darüber nachgedacht, was es bedeutet, zu sterben? Sie können nicht darüber nachdenken. Haben Sie je damit experimentiert, herauszufinden, was es bedeutet, psychisch, innerlich, zu sterben? Nicht, wie Sie Unsterblichkeit erlangen können, denn die Ewigkeit, das Zeitlose, ist jetzt, nicht in irgendeiner fernen Zukunft. Um das untersuchen zu können, muss man das gesamte Phänomen «Zeit» verstehen; nicht nur die chronologische Zeit, die Uhrzeit, sondern jene Zeit, die der Verstand als allmählichen Veränderungsprozess erfunden hat.

Wie kann man etwas über diesen seltsamen Vorgang herausfinden, dem wir uns alle eines Tages stellen müssen? Können Sie heute psychisch sterben, alles loslassen, was Sie gekannt haben? Beispielsweise Ihre Lust, Ihre Gebundenheit, Ihre Abhängigkeit sterben lassen? Sie ohne zu argumentieren, ohne zu rationalisieren beenden, ohne zu versuchen, Mittel und Wege zu finden, es zu vermeiden. Wissen Sie, was es bedeutet zu sterben - nicht physisch, sondern psychisch, innerlich? Es bedeutet, dem, was Kontinuität hat, ein Ende zu setzen; den Ambitionen ein Ende zu setzen, denn das geschieht, wenn Sie sterben, nicht wahr? Sie können sie nicht mit hinüber nehmen und so neben Gott sitzen! (Gelächter) Wenn Sie tatsächlich sterben, müssen Sie so viele Dinge beenden, ohne argumentieren zu können. Sie können nicht zum Tod sagen: «Lass mich erst meine Arbeit fertigmachen, lass mich mein Buch zu Ende schreiben, lass mich noch all die Dinge tun, die ich nicht getan habe, lass mich die Wunden heilen, die ich anderen zugefügt habe» - Sie haben keine Zeit mehr.

Können Sie also herausfinden, wie Sie jetzt, heute, ein Leben führen können, in dem stets alles, was Sie beginnen, ein Ende hat? Natürlich nicht im Büro, aber innerlich - beispielsweise all das Wissen loszulassen, das Sie angesammelt haben, das Wissen aus Ihren Erfahrungen, Ihren Erinnerungen, Ihren Verletzungen, Ihrem vergleichenden Lebensstil, Ihrer Angewohnheit, sich stets mit irgend jemandem zu vergleichen. All das jeden Tag beenden, so dass Ihr Geist am nächsten Tag frisch und jung ist. Ein solcher Geist kann nie verletzt werden; und das ist Unschuld.

Man muss für sich selbst herausfinden, was es bedeutet, zu sterben. Dann gibt es keine Angst mehr, und jeder Tag ist ein neuer Tag. Ich meine das wirklich, man kann das wirklich tun - so dass der Geist und die Augen das Leben als etwas völlig Neues sehen. Das ist Ewigkeit. Das ist die Qualität eines Geistes, der diesen zeitlosen Zustand gefunden hat, weil er erfahren hat, was es bedeutet, jeden Tag alles sterben zu lassen, alles loszulassen, was er während des Tages angesammelt hat. Ganz gewiss hat das auch mit Liebe zu tun. Liebe ist etwas, das jeden Tag völlig neu ist, Lust ist es nicht, Lust hat Kontinuität. Liebe ist immer neu und ist deshalb ihre eigene Ewigkeit.


Möchten Sie Fragen stellen?

Fragesteller (F): Angenommen, ich finde durch umfassende, objektive Selbstbeobachtung heraus, dass ich gierig bin, selbstsüchtig und all das. Wie, kann ich dann wissen, ob diese Art zu leben gut oder schlecht ist, wenn ich nicht bereits eine feste Vorstellung des «Guten» in mir trage? Wenn ich diese Vorstellung habe, kann sie nur aus der Selbstbeobachtung hervorgehen.

Krishnamurti (K): Ganz recht, Sir.

F: Ich sehe auch noch eine andere Schwierigkeit. Für Sie scheint das Teilen von Bedeutung zu sein, aber gleichzeitig sagen Sie, dass zwei Liebende oder Mann und Frau ihre Liebe nicht auf gegenseitige Tröstung gründen können oder sollen. Ich kann nichts Schlechtes daran entdecken, sich gegenseitig Trost zu spenden - das ist Teilen.

K: Dieser Herr sagt: «Man muss eine Vorstellung von 'gut' haben, weshalb sollte man sonst das Erfolgsstreben, die Gier, den Neid und so weiter aufgeben?» Sie können eine Vorstellung davon haben, was besser ist, aber können Sie eine Vorstellung davon haben, was gut ist?

F: Ja, ich glaube schon.

K: Kann das Denken das Gute hervorbringen?

F: Nein, ich meine die Vorstellung davon, was gut ist.

K: Ja, Sir. Die Vorstellung davon, was gut ist, ist das Produkt des Denkens; wie könnten Sie sich sonst vorstellen, was gut ist?

F: Die Vorstellungen können nur aus unserer Selbstbeobachtung hervorgehen.

K: Darauf habe ich gerade hingewiesen, Sir. Weshalb sollten Sie überhaupt eine Vorstellung von «gut» haben?

F: Wie soll ich sonst wissen, ob mein Leben gut oder schlecht ist?

K: Hören Sie einfach meine Frage: Wissen wir nicht, was Konflikt ist? Muss ich eine Vorstellung von Konfliktfreiheit haben, bevor ich einen Konflikt wahrnehmen kann? Ich weiss, was Konflikt ist - der Kampf, der Schmerz. Weiss ich das nicht, ohne einen Zustand zu kennen, in dem kein Konflikt existiert? Wenn ich formuliere, was «gut» ist, formuliere ich es gemäss meiner Erziehung, meiner Denkweise, meinem Gefühl, meinen individuellen Abneigungen und dem ganzen Rest meiner kulturellen Konditionierungen. Muss das Gute mit Hilfe des Denkens projiziert werden? Und wird der Verstand mir dann sagen, was in meinem Leben gut und was schlecht ist? Oder hat das Gute nicht das Geringste mit dem Denken oder mit irgendeiner Formel zu tun? Wo blüht das Gute auf? Sagen Sie es mir. In einer Vorstellung? In irgendeiner Idee, in einem Ideal, das in die Zukunft projiziert wird? Eine Vorstellung bezieht sich auf die Zukunft, auf irgendein Morgen. Das kann sehr weit entfernt sein oder sehr nah, aber es ist immer noch innerhalb der Zeit. Und wenn Sie eine Vorstellung haben, die das Denken projiziert - wobei das Denken die Antwort des Gedächtnisses ist, des angesammelten Wissens, das wiederum von der Kultur abhängt, in welcher Sie aufwuchsen -, finden Sie dieses Gute in der Zukunft, von den Gedanken erschaffen? Oder finden Sie es, wenn Sie anfangen zu verstehen, was Konflikt, Schmerz und Leid ist? Im Verstehen dessen, «was ist» - nicht dadurch, dass Sie «was ist» mit dem «was sein sollte» vergleichen - in diesem Verstehen blüht das Gute auf. Das Gute hat mit Sicherheit nichts mit dem Denken zu tun - nicht wahr? Hat Liebe irgend etwas mit Denken zu tun? Können Sie Liebe kultivieren, indem Sie sie auf eine Formel bringen und sagen «Das ist mein Ideal der Liebe»? Wissen Sie, was geschieht, wenn Sie Liebe kultivieren? Sie lieben nicht. Sie denken, Sie werden zu irgendeinem späteren Zeitpunkt lieben, und in der Zwischenzeit sind Sie gewalttätig. Ist das Gute also ein Produkt des Verstandes? Ist Liebe das Produkt von Erfahrung, von Wissen? Wie lautete die zweite Frage, Sir?

F: Die zweite Frage drehte sich um das Teilen.

K: Was teilen Sie? Was teilen wir jetzt? Wir sprachen über den Tod, wir sprachen über Liebe, über die Notwendigkeit einer totalen Revolution, über einen totalen inneren Wandel, darüber, nicht in den alten Mustern zu leben, den Mustern von Kampf, Schmerz, Imitation, Konformität und all den anderen Dingen, für die der Mensch seit Tausenden von Jahren gelebt hat und die diese wunderbare, chaotische Welt hervorgebracht haben! Wir haben über den Tod gesprochen. Auf welche Weise teilen wir das miteinander? Wie teilen wir das Verstehen, nicht die verbale Aussage, nicht die Beschreibung, nicht die Erklärungen? Was bedeutet teilen? Das Verstehen, die Wahrheit teilen, die mit dem Verstehen einhergeht. Und was bedeutet verstehen? Sie sagen mir etwas Ernstes, etwas Wesentliches, etwas Bedeutsames, Wichtiges, und ich höre total zu, weil es etwas Wesentliches für mich ist. Damit ich so total zuhören kann, muss mein Geist still sein, nicht wahr? Wenn ich schwatze, wenn ich irgendwo anders hinschaue, wenn ich das, was Sie sagen, mit dem vergleiche, was ich weiss, ist mein Geist nicht still. Nur wenn mein Geist still ist und total zuhört, kann die Wahrheit dessen, was wir miteinander teilen, verstanden werden. Andernfalls können wir nichts miteinander teilen; wir können nicht die Worte miteinander teilen - wir können nur die Wahrheit von etwas miteinander teilen. Sie und ich können die Wahrheit von etwas nur sehen, wenn der Geist sich total auf das Beobachten konzentriert. Wenn Sie die Schönheit eines Sonnenuntergangs, die lieblichen Hügel, die Schatten und das Mondlicht sehen - wie teilen Sie das mit einem Freund? Indem Sie zu ihm sagen «Schau dir diesen wunderschönen Hügel an»? Vielleicht sagen Sie das, aber ist das teilen? Wenn Sie tatsächlich etwas miteinander teilen, so bedeutet das, dass Sie beide zum gleichen Zeitpunkt, auf der gleichen Ebene die gleiche Intensität haben müssen. Andernfalls können Sie nichts miteinander teilen, nicht wahr? Sie müssen beide ein gemeinsames Interesse haben, auf der gleichen Ebene, mit der gleichen Leidenschaft - wie können Sie sonst etwas miteinander teilen? Sie können ein Stück Brot miteinander teilen - aber davon sprechen wir nicht. Um etwas gemeinsam zu sehen - was soviel heisst wie miteinander teilen -, müssen wir beide sehen; nicht zustimmen oder ablehnen, sondern gemeinsam sehen, was tatsächlich ist, und es nicht gemäss meiner oder Ihrer Konditionierung interpretieren, sondern gemeinsam sehen, was wirklich ist. Und um gemeinsam sehen zu können, muss man frei sein, um beobachten zu können, frei, um hören zu können. Das heisst, man darf keine Vorurteile haben. Nur dann, mit dieser Qualität der Liebe, findet ein Teilen statt.

F: Wie kann man den Geist dazu bringen, still zu sein, oder wie kann man ihn von Störungen aus der Vergangenheit befreien?

K: Sie können den Geist nicht dazu bringen, still zu sein. Punkt! Das sind Tricks. Sie können eine Tablette nehmen und den Geist zum Schweigen bringen - es ist absolut unmöglich, den Geist dazu zu bringen, still zu sein, denn Sie sind Ihr Geist. Sie können nicht sagen «Ich werde den Geist dazu bringen, still zu sein». Deshalb muss man verstehen, was Meditation wirklich ist - nicht, was sie nach Meinung anderer Leute ist. Man muss herausfinden, ob der Geist je still sein kann; nicht, wie man den Geist dazu bringen kann, still zu sein. Man muss also diesen ganzen Fragenkomplex des Wissens untersuchen, muss herausfinden, ob der Geist, ob die Gehirnzellen, in denen alle vergangenen Erinnerungen gespeichert sind, in der Lage sind, absolut still zu sein und ihre Funktion nur dann aufzunehmen, wenn es notwendig ist, und ob sie, wenn es nicht notwendig ist, ganz und gar still sein können.

F: Wenn Sie über Beziehungen sprechen, sprechen Sie immer von einem Mann und einer Frau oder von einem Mädchen und einem Jungen. Bezieht sich das, was Sie über Beziehungen Sagen, auch auf die Beziehung zwischen Mann und Mann oder zwischen Frau und Frau?

K: Homosexualität?

F: Ja, wenn Sie es so nennen wollen.

K: Sehen Sie, wenn wir von Liebe sprechen, ganz gleich, ob sie zwischen Mann und Mann, Frau und Frau oder zwischen Mann und Frau existiert, sprechen wir nicht über eine besondere Art von Beziehung, wir sprechen über das ganze Geschehen, darüber, was Beziehung an sich bedeutet, nicht über eine Zweierbeziehung. Wissen Sie nicht, was es bedeutet, eine Beziehung zur Welt zu haben? Wenn Sie fühlen, dass Sie die Welt sind. Nicht als abstrakte Vorstellung - das ist schrecklich -, sondern wirklich fühlen, dass Sie verantwortlich sind, dass Sie sich dieser Verantwortung verpflichtet fühlen. Das ist die einzige Verpflichtung - nicht verpflichtet durch Bomben oder verpflichtet zu einer bestimmten Aktivität, sondern zu fühlen, dass Sie die Welt sind und die Welt Sie ist. Solange Sie sich nicht vollkommen, radikal ändern und eine totale innere Transformation zustande bringen, können Sie in der Aussenwelt tun, was Sie wollen, es wird dennoch keinen Frieden für die Menschheit geben. Wenn Sie das in Ihrem tiefsten Innern fühlen, werden Ihre Fragen sich ausschliesslich auf die Gegenwart und auf einen Wandel in der Gegenwart beziehen, nicht auf abstrakte Ideale.

F: Das letztemal, als wir zusammen waren, sagten Sie zu uns, dass eine schmerzhafte Erfahrung, der man sich nicht bedingungslos stellt, der man ausweicht, als psychischer Splitter ins Unbewusste sinkt. Wie können wir uns von diesen Splittern schmerzhafter und beängstigender Erfahrungen befreien, so dass die Vergangenheit uns nicht länger im Griff hat?

K: Ja, Sir, das ist Konditionierung. Wie kann man sich von dieser Konditionierung befreien? Wie befreie ich mich selbst von meiner Konditionierung, die ich in der Kultur erhielt, in welcher ich aufwuchs? Zunächst einmal muss ich bewusst wahrnehmen, dass ich konditioniert bin - es genügt nicht, dass mir jemand sagt, dass ich konditioniert bin. Verstehen Sie den Unterschied? Wenn mir jemand sagt, dass ich hungrig bin, so ist das etwas anderes, als wenn ich tatsächlich hungrig bin. Ich muss mir also meiner Konditionierung bewusst sein, was bedeutet, dass ich mir ihrer nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in den tieferen Schichten bewusst sein muss. Das heisst, ich muss total bewusst sein. Wenn ich so bewusst bin, heisst das, dass ich nicht versuche, über die Konditionierung hinauszugehen, nicht versuche, frei von ihr zu sein. Ich muss sie sehen, wie sie wirklich ist, und darf kein anderes Element hineinbringen wie den Wunsch, frei davon zu sein, denn das ist nichts als eine Flucht vor der Wirklichkeit. Ich muss bewusst sein. Was dedeutet das? Damit ich mir meiner Konditionierung nicht teilweise, sondern total bewusst sein kann, muss mein Geist höchst sensibel und empfänglich sein, nicht wahr? Sonst kann ich nicht bewusst sein. Sensibel sein bedeutet, alles sehr, sehr genau zu beobachten - die Farben, die Ausstrahlung von Menschen, alles um mich herum. Ich muss auch bewusst wahrnehmen, was wirklich ist, ohne voreingenommen zu seln. Sind Sie dazu in der Lage? Nicht versuchen, zu interpretieren, nicht versuchen, etwas zu verändern, nicht versuchen, die Konditionierungen zu überwinden oder frei davon zu sein - sondern sich ihrer einfach total bewusst sein?

Wenn Sie einen Baum beobachten, liegt zwischen Ihnen und dem Baum Zeit und Raum, nicht wahr? Und da ist noch Ihr botanisches Wissen über den Baum. Die Distanz zwischen Ihnen und dem Baum - die aus Zeit besteht - und die Trennung, die durch Ihr Wissen über den Baum entsteht. Den Baum ohne dieses Wissen anzuschauen, ohne die Zeitqualität, heisst nicht, sich mit dem Baum zu identifizieren, sondern ihn so aufmerksam zu beobachten, dass die Begrenzung durch die Zeit gar nicht in Erscheinung tritt; die Begrenzung durch Zeit kommt nur ins Spiel, wenn Sie Wissen über den Baum angesammelt haben. Können Sie Ihre Frau oder Ihren Freund oder irgend etwas anschauen, ohne sich auf ein inneres Bild von ihr oder ihm zu beziehen? Das Bild ist die Vergangenheit, die Ihr Verstand aus allen möglichen Erfahrungen zusammengesetzt hat, aus dem Nörgeln, der Rücksichtslosigkeit, dem Machtstreben, dem Vergnügen, der Freundschaft und so weiter. Es ist das Bild, das uns von der Wirklichkeit trennt; es ist das Bild, das Distanz und Zeit hervorbringt. Schauen Sie diesen Baum an oder diese Blume, die Wolke oder Ihre Ehefrau oder Ihren Ehemann - ohne dieses innere Bild! Wenn Sie dazu in der Lage sind, können Sie auch Ihre Konditionierung total beobachten; dann können Sie sie in einem Geiste anschauen, der nicht von der Vergangenheit getrübt und daher selbst frei von Konditionierung ist. Wenn ich mich selbst anschaue, wie wir es gewöhnlich tun, schaue ich als Beobachter, der das Beobachtete betrachtet: Ich selbst bin das Objekt, und der Beobachter betrachtet es. Der Beobachter besteht aus Wissen, aus der Vergangenheit, aus Zeit, aus angesammelten Erfahrungen - er trennt sich von dem, was er beobachtet.

Schauen Sie jetzt einmal ohne den Beobachter! Das tun Sie immer dann, wenn Sie absolut aufmerksam sind. Wissen Sie, was es bedeutet, aufmerksam zu sein? Gehen Sie nicht in die Schule, um zu lernen, aufmerksam zu sein! Aufmerksam sein bedeutet, ohne jegliche Interpretation, ohne jegliche Wertung zu hören - einfach zu hören. Wenn Sie so hören, gibt es keine Grenzen, gibt es kein «Ich», das hört. Es existiert nur noch der Zustand des Hörens. Wenn Sie also Ihre Konditionierung beobachten, dann existiert sie nur im Beobachter, nicht im Beobachteten. Wenn Sie ohne den Beobachter schauen, ohne das «Ich» - ohne die Ängste und Spannungen des Beobachters -, dann werden Sie sehen, dann betreten Sie eine völlig andere Dimension.

The Awakening of Intelligence

Die Rede Krishnamurtis
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