Schweizer Illustrierte Nr. 28 - 2008

Der ganz andere Giacobbo

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Blechkünstler Bruno Giacobbo mit seiner Installation «Ingrid und Max». Der Fressteller mit Blashörnli, Apfelschnitz und Ghacktem ist aus Styropor.

Bruno, Ingrid und Max sitzen vor einer Portion «Ghacktem mit Hörnli». Bruno Giacobbo legt den Arm um seine Schützlinge. Vor ihm auf dem Tisch steht ein Bierchen. Tattoo-­Ingrid gibt sich freizügig, während der ultracool behütete Max selbst im Hochsommer eine Uncle-Ben’s-Krawatte trägt und rote Rosen sprechen lässt.

Der Bildermacher Bruno Giacobbo umgibt sich beruflich mit Antiquitäten und macht daraus Kunst. Auch sein Bruder Viktor findets witzig.

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Der beliebte Bruder
TV-Satiriker Viktor Giacobbo (l.) ist neun Jahre jünger als Bruno.

Der Winterthurer Bruno Giacobbo macht seit zehn Jahren «Gute-Laune-Kunst». Zuvor handelte er mit Antiquitäten. Gegen den Titel «Künstler» wehrt er sich mit Händen und Füssen. «Zu abgedroschen, so nennt sich heutzutage jeder, der einen Pinsel halten kann.» Giacobbo ist «Bildermacher». Oder eben «Skulpturenmacher». Unerschöpflich ist der Ideenfundus des Getriebenen. Jedes Material wird aufgewertet, ist Zeugnis seiner Sammelleidenschaft. Aus Hirschgeweihen, Spinnrädern oder Klobüsten zaubert er Figuren mit Geschichte, aus leeren PET-Flaschen entstehen Kronleuchter fürs Esszimmer. Ob Katzen aus Holz, Fantasievögel aus Blech, «Biedermeiereien» oder Stuhlobjekte: Die Arbeit beflügelt ihn. «I de Schuäl bin i niä usem Näscht cho. Hüt klappet das prima.»

Der Allrounder lebt und arbeitet in der Galerie zum Kornhaus in Rheinau ZH. «Allein, damit ich ungestört arbeiten kann.» Nur durch einen Vorhang ist sein originelles Schlafgemach mit Hühnerstall über dem Bett vom Verkaufsraum getrennt. Brunos Unikate haben Seele, wirken lebendig, heiter. Wer genauer hinsieht, spürt eine Prise Nachdenklichkeit über die verschwenderische Gesellschaft, die sich allzu gern von vermeintlich Nutzlosem trennt.
Giacobbo ist ein stilsicherer Tüftler. Das mit dem Stil liegt in der Familie. Auch hei seinem Bruder, dem scharfzüngigen TV-Satiriker Viktor Giacobbo («Giacobbo/Müller»), wissen die Fans, was sie erwartet. «Viktor ist ein ganz Grosser, ist ein Naturtalent. Eine Schauspielschule besuchte er nie. dafür äffte er schon als Kind Onkel und Tanten nach. die ihn nervten». erinnert sich der neun Jahre ältere Bruno. Eine entfernte Ähnlichkeit mit Viktors Kultfigur Harry Hasler ist ihm nicht abzusprechen: Auch dieser hat das Herz auf dem richtigen Fleck und ist nie um einen Spruch verlegen.

 
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«Nehmt nicht alles so ernst, ihr Menschen. Kunst soll Lust, soll Freude machen!» Bruno Giacobbo

Die Giacobbo-Buben wuchsen in Oberwinterthur in einfachen Verhältnissen auf. Vater Karl war Metzger. Mutter Margrit Damenschneiderin. Tag und Nacht wurde geschuftet, auf einen grünen Zweig kamen sie nicht. «Gabs mal 50 Gramm Salami und zwei Bürli, war das ein Festessen», erinnert sich Bruno, der einmal im Monat in den Bell zum Einkaufen geschickt wurde. «Wir wohnten im oberen Stock eines Zweifamilienhauses. Im Winter waren Decke und Wände mir einer Eisschicht überzogen. im Sommer konnten wir kaum atmen. Eine Dusche gabs nicht, gebadet wurde in der Küche im alten Lavabo. Mit achtzehn zog ich von zu Hause aus und setzte mich als lnnendekorateur nach Lausanne ab.»

Bruder Viktor wurde Bühnenstar, Bruno baute sich mit seiner Partnerin Mägi Wirth in Ossingen ZH ein Raritätenimperium auf, wo er sich als Möbelrestaurator und Händler einen Namen machte. Das Geschäft führt nun seine Partnerin. Giacobbo: «So kann ich mich endlich in Ruhe der Kunst widmen.»

Betritt man Brunos Reich, staunt man nicht schlecht über die Lokalität. Das Kornhaus zu Rheinau mit seinem imposanten Kreuzgewölbe wurde 1710 von Abt Gerold II. erbaut. Es diente als Kornkammer. Salzlagerhaus, Zollbüro, Gerberei und Stickereifabrik. 1898 wurden zwei Wohnungen eingerichtet. «Eine davon gehört mir» sagt Mieter Giacobbo stolz und führt die Besucher durch Galerie, Wohnung und Atelier. Am Eingang: «Tragbare Kunst» - umgesetzt­e Wortspielereien in Plexiglaskoffern. «Irgendwann musste ich aufhören. Kam mir im Traum eine Idee, verbrachte ich den Rest der Nacht im Atelier.» Die Köfferchen sind so teuer wie ein Designer-Täschchen: Sie kosten zwischen 500 und 800 Franken und sind fast ausverkauft.

Bruno Giacobbo ist auch leidenschaftlicher Maler. Dazu klebt er Papierzettel und Zeitungsausschnitte zenti­meterdick auf Metallplatten, überzieht alles mit Farbe. Wie bei einer Schatzsuche schleift er Schicht um Schicht frei, klebt von Neuem darüber. und alles beginnt von vorn. Was zum Vorschein kommt, ist auch für ihn eine Überraschung. Witziges Detail: In jedem Bild ist ein kleiner Radfahrer versteckt. Bruno: «Nur mit dem Strichmannchen ists ein echter Giacobbo!»

 
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Text: Caroline Michaela Hauger
Fotos: Marcel Nöcker

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